Durchblick im Ernährungsdschungel

Man könnte meinen, die Zahl der Ernährungsformen ist heutzutage äquivalent zur Zahl der Menschen. Warum es so viele verschiedene Diäten und Ernährungsphilosophien gibt, soll in diesem Artikel betrachtet werden.

Warum ernähren sich immer mehr Menschen eigentlich bewusst und stopfen nicht alles in sich herein, was einfach nur lecker schmeckt? Der naheliegende Grund scheint die eigene (gute) Gesundheit zu sein, die möglichst bis ins hohe Alter aufrecht erhalten werden soll. Nicht umsonst wird das Stichwort „Gesundheit“ insbesondere von älteren Menschen als eines der wesentlichen Punkte für ein schönes Leben genannt. Auch junge Erwachsene denken immer mehr über dieses Thema nach; vor allem, wenn der Rückgang der Gesundheit im Alter anhand der eigenen Eltern und Großeltern miterlebt werden kann. Der Wunsch nach einer guten Gesundheit führt so unweigerlich zur Auseinandersetzung mit den eigenen Ernährungsgewohnheiten.

Zunehmend lassen sich neben dem Wunsch nach einer guten Gesundheit auch weitere Gründe finden, die hinter den verschiedenen Ernährungsformen stecken: Sie sollen umweltfreundlich sein oder Tierleid vermeiden. Kein Problem, wenn sich alle drei Aspekte in einer Ernährungsform vereinen lassen.

Doch genau hier liegt der Hund begraben: Während eine tiefgehende Recherche der verfügbaren wissenschaftlichen Fakten unter rein gesundheitlichen Aspekten zu einem mehr oder weniger objektiven Bild führt, kann eine Recherche unter ethischen Aspekten zu einem deutlich verzerrten Ergebnis führen. Umso mehr Emotionen im Spiel sind, umso höher ist die Gefahr, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Wenn ich aus ethischen Gründen den Fleischverzehr strikt ablehne, dann ist es für mich auch bequemer, wenn Fleisch als ungesund gilt; Fleisch darf nicht gesund sein. Unter dem Aspekt des Genusses lässt sich solch ein Argument natürlich auch in umgekehrter Form bringen: Wenn Fleisch zu meinen Lieblingsspeisen zählt, darf Fleisch nicht ungesund sein.

Beide Standpunkte dienen jeweils dem eigenen Interesse, Fleisch abzulehnen bzw. zu befürworten. Es wäre wesentlich unbequemer, wenn wir widersprüchliche Fakten finden und uns zwischen zwei Positionen entscheiden müssten: Etwa, wenn wir Tierleid ablehnen, Fleisch aber gesund ist; oder, wenn wir gerne Fleisch essen, dieses aber ungesund ist.

Tatsächlich muss in vielen Fällen zwischen Gesundheit, Umwelt und Tierwohl ein Kompromiss getroffen werden, vorzugsweise unter gründlicher Abwägung der verschiedenen Argumente. Aus eigener Erfahrung betrachten allerdings nur wenige Menschen die verschiedenen Seiten der Medaille. Sicherlich spielt hier auch der Bestätigungsfehler eine wichtige Rolle: Informationen, die den eigenen Standpunkt kräftigen, werden unkritisch übernommen, während Gegenargumente kritisch beäugt und häufig abgelehnt werden, bevor sie überhaupt näher geprüft wurden. Wer sucht schon gezielt nach Gegenargumenten, um so seinen eigenen Standpunkt zu verifizieren oder gegebenenfalls zu überdenken?

Diese Überlegungen gelten natürlich nicht nur für Privatpersonen: Hinter den Fassaden großer Institutionen sitzen auch nur Menschen, die diesen Effekten unterliegen können. Widersprechen die Studienergebnisse den eigenen Ansichten, kann die Interpretation der Ergebnisse (unbewusst) stark verzerrt ausfallen. In einigen Fällen wird gar vorsätzlich und in vollem Bewusstsein versucht, bestimmte Studienergebnisse zu erzielen; dies lässt sich besonders beobachten, wenn Studien von großen Nahrungsmittelkonzernen finanziert werden.

Zum Glück gibt es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), welche mit vielen Experten den aktuellen Stand der Wissenschaft objektiv ausgewertet hat und uns mit ihren Ernährungsempfehlungen mitteilt, richtig? Gerade aufgrund des großen Einflusses der DGE (z. B. halten sich viele Jugendherbergen, Schulen und ähnliche Einrichtungen an deren Empfehlungen) besteht für Lobbyistengruppen ein großes Interesse, dass die Lebensmittel des jeweils repräsentierten Konzerns besonders dominant in den Ernährungsempfehlungen platziert werden. Hinzu kommen politische und wirtschaftliche Forderungen: Beispielsweise dürfen Nahrungsmittel nicht zu viel kosten, und wenn dann auch noch die heimische Wirtschaft unterstützt werden kann, ist alles in Butter. Im Übrigen ist die Entstehungsgeschichte der Ernährungspyramide (welche zunächst in den USA entwickelt wurde und später von der DGE mehr oder weniger übernommen wurde) nicht nur interessant, sondern fördert auch einige erschreckende Dinge zutage. Einen ersten Anhaltspunkt kann Wikipedia liefern:

Die erste bekanntere Ernährungspyramide war die des United States Department of Agriculture (USDA), welche inzwischen mehrfach angepasst wurde.

Was für ein Zufall, dass die unterste Ebene der besagten Ernährungspyramide ausschließlich Erzeugnisse aus der Agrarwirtschaft enthält!

Die offiziellen Empfehlungen können also getrost ignoriert werden. Das heißt jedoch auch, dass wir uns selber auf die Suche begeben müssen. Doch welchen der gefühlten Millionen von Artikeln aus dem Internet, welche sich irgendwie mit Ernährung beschäftigen, können wir eigentlich trauen? Die traurige Antwort ist: Keinem. Haben wir kaum eigenes Ernährungswissen, können wir gute nicht von schlechten Artikeln unterscheiden. Haben wir uns umfangreiches Wissen aus guten Quellen angeeignet, stellen Online-Artikel für uns keine Bereicherung mehr dar.

Schlechte Artikel gibt es dabei eine ganze Menge: In vielen Fällen sollen in erster Linie möglichst viele Klicks generiert werden. Hinzu kommen Journalisten, die sich wenig bis gar nicht mit der Thematik auskennen, keine wissenschaftliche Ausbildung und/oder keine Zeit für eine aufwendige Recherche haben. Bei Artikeln, die die Ergebnisse einer neuen Studie wiedergeben, wird vom schreibenden Journalisten häufig nur die Zusammenfassung der thematisierten Studie gelesen. Dabei kann selbst die Zusammenfassung wichtige Punkte auslassen, wenn ein bestimmtes Studienergebnis gewünscht ist: Wissenschaftler wissen genau, dass sich nur wenige Leute die Mühe machen, eine gesamte Studie zu lesen.

Was sind denn nun gute Quellen? Am besten wäre natürlich die eigenständige Auswertung vieler verschiedener Studien. Den meisten von uns fehlt dazu jedoch die Zeit und das nötige Hintergrundwissen. Eine weitere gute Quelle sind Bücher: Im Gegensatz zu kurzen (Online-)Artikeln mit wenigen Seiten stehen hier gleich mehrere hundert zur Verfügung, um Informationen und insbesondere Zusammenhänge zu vermitteln. Vor allem sind Bücher in der Regel gut recherchiert und werden von fachkundigen Personen verfasst.

Weil die ganze Sache noch nicht kompliziert genug ist, sind natürlich auch Bücher mit verschiedensten Perspektiven und zu allen erdenklichen Ernährungsformen auf dem Markt. Wie erfolgt also die Auswahl?

Alle Bücher, welche aus einer anderen Grundhaltung als der Suche nach der gesündesten Diät heraus operieren, sollten gemieden werden. Das heißt im Klartext: Alle Bücher, welche vegane, vegetarische, omnivore, frutarische oder andere Ernährungsformen als Hauptthema haben. Eine gesunde Ernährung ist nicht einfach nur omnivor, oder vegan, oder roh. Eine vegane Ernährung kann tonnenweise Zucker enthalten und damit ungesund sein; eine omnivore Ernährung kann viel Gemüse enthalten oder zu 95 % aus Fast-Food bestehen. Für eine möglichst objektive Betrachtung muss jedes einzelne Lebensmittel separat und einzig aus gesundheitlicher Sicht betrachtet werden. Ganz wichtig ist dabei auch eine genügend hohe Differenzierung; ein weiterer Grund, warum so ein Ernährungschaos herrscht, denn viele Studien haben ein begrenztes Budget und können somit nur wenige unterschiedliche Nahrungsmittelgruppen vergleichen. Da wird Schweine- und Rindfleisch in jeglichem Zustand (gegrillt, geschmort, gepökelt, gedämpft) in einen Topf geschmissen, und eine „High-Fat-Diet“ besteht je nach Studie zu unterschiedlichsten Anteilen aus gesättigten, einfach ungesättigten und mehrfach ungesättigten Fetten. Ganz zu schweigen von der Definition einer „High-Fat-Diet“: Versteht man darunter dreißig, vierzig oder fünfzig Prozent Fettanteil?

Die wirklich guten Studien sind teuer und entsprechend rar gesät, bekommen aber kaum mehr Aufmerksamkeit als die zahlreichen andere Studien – nicht zuletzt, weil viele Journalisten gar nicht beurteilen können, ob eine Studie gut oder schlecht ist. In der Folge sind sie stark unterrepräsentiert.

Doch nur durch solche aufwendigen Studien können wir herausfinden, ob nun tatsächlich Fleisch selbst oder nur die Zubereitungsart gesund oder ungesund ist, ob Rind- oder Schweinefleisch gesünder ist, ob Kokosöl oder Rapsöl besser ist und ob es einen Unterschied zwischen fermentierten (z. B. Käse) und unfermentierten (z. B. Milch) Milchprodukten gibt. Und welchen Einfluss haben eigentlich unsere Gene auf die Gesundheit verschiedener Lebensmittel? Sind einige Lebensmittel nur in Kombination mit anderen Lebensmittel ungesund?

Gute Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass die Autoren bei ihrer Recherche jede Quelle (Studie) genauestens unter die Lupe nehmen und dadurch unweigerlich zu solch hochwertigen Studien gelangen. Zusätzlich muss die Interpretation möglichst unvoreingenommen erfolgen – das ist wesentlich einfacher, wenn das Buch als Hauptthema keine bestimmte Ernährungsform (vegetarisch, vegan, omnivor) behandelt, in die die Studienergebnisse gepresst werden müssen. Ein solches Buch ist „Perfect Health Diet“ von den Jaminets. Es ist gleichzeitig das beste Ernährungsbuch, welches ich kenne.

Nachdem wir uns möglichst unvoreingenommen informiert haben, können wir immer noch entscheiden, bestimmte Lebensmittel zum Beispiel aus ethischen Gründen nicht zu konsumieren. Durch Beachten dieser Reihenfolge wissen wir genau, welchen Kompromiss wir eingehen – und laufen nicht Gefahr, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Photo by osseous

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