Der bewusste Kompromiss

Unser Leben besteht aus Kompromissen – ständig müssen wir uns zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden, welche sich nicht oder nur schwer vereinen lassen. Oft geschieht dies unterbewusst, sodass wir gar nicht merken, dass ein Kompromiss getroffen wurde. Auch die Art der Priorisierung wird dabei automatisch vorgenommen – wir entscheiden uns „aus dem Bauch heraus“. Befassen wir uns bewusst mit diesen Entscheidungen, können wir nicht nur einiges über unsere aktuelle Geistesverfassung lernen, sondern zukünftige Entscheidungen auch zugunsten unserer Ziele treffen.

Natürlich geht es nicht um größere Entscheidungen: Kaum einer wird ein Haus oder ein Auto aus dem Bauch heraus kaufen. Hier wird in der Regel gut abgewägt, wie teuer es sein darf und was das Auto oder das Haus genau bieten muss. Die Rede ist von den vielen kleinen Entscheidungen, die sich auf lange Sicht dennoch bemerkbar machen können: Welches Gericht wähle ich im Restaurant? Welches Kleidungsstück kaufe ich, welches nicht? Welchen Weg nehme ich zur Arbeit?

Wären wir alle Roboter, so würden wir jede dieser kleinen Entscheidungen genau analysieren. Doch welche Kriterien werden dafür eigentlich herangezogen, und welche Kriterien verwenden wir, wenn wir uns „aus dem Bauch heraus“ entscheiden?

Zu fast jedem Zeitpunkt im Leben müssen wir uns zwischen zwei grundlegenden Optionen entscheiden: Wir tun entweder etwas für unsere Zukunft (Zukunfts-Ich), oder für unser „Jetzt-Ich“. Zu ersterem gehören etwa Lern-Tätigkeiten und Fortbildungen. Zwar ist Lernen nicht per se langweilig, doch vor allem im Rahmen durchgeplanter Veranstaltungen oder ganzer Studiengänge fühlt man sich schnell eingeengt, überfordert oder genervt. Die meisten Menschen betrachten das Studium sicherlich als Zukunfts-Investition und nicht als spaßigen Zeitvertreib. Spaßige Aktivitäten sind Dinge, die wir für unser „Jetzt-Ich“ tun: Ins Kino gehen, mit Freunden treffen, Sport machen, Reisen usw. Sie alle bereiten uns positive Gefühle, die in der Regel nur für die Dauer der Aktivität anhalten. Natürlich können z. B. Reisen uns wertvolle Erfahrungen vermitteln, und Sport wird einen längeren positiven Effekt auf unser Wohlempfinden haben.

Das Dilemma ist ersichtlich: Leben wir nur für die Zukunft, verzichten wir zugunsten eines größeren zukünftigen Wohlempfindens auf jetzige Annehmlichkeiten. (In der Psychologie spricht man auch von einem Belohnungsaufschub.) Leben wir nur für den aktuellen Moment, geht dies meist auf Kosten unserer zukünftigen Lebenssituation.

Den richtigen Kompromiss finden

Jeder Mensch trifft zwischen den beiden Extremen bereits unterbewusst (bzw. durch gesellschaftliche Vorgaben) einen Kompromiss: Schule, Ausbildung oder Studium wechseln sich ab mit Sport, Kino und Freunde treffen. Auch in den vielen kleinen täglichen Entscheidungen werden Kompromisse getroffen: Ab und zu gönnt man sich ein großes Eis (zugunsten des Jetzt-Ichs), während man an anderen Tagen mit Blick auf die Figur bzw. eine bessere Gesundheit lieber darauf verzichtet (Zukunfts-Ich).

Doch wie lässt sich eigentlich der beste Kompromiss finden? Nimmt man an, dass eine Investition in das Zukunfts-Ich zu einem deutlich größeren (zukünftigen) Wohlempfinden führt, als eine gleich große Investition in das Jetzt-Ich, so wäre es sinnvoll, seine gesamten Ressourcen in das Zukunfts-Ich zu stecken. Diese Annahme ist übrigens nicht allzu schwer nachzuvollziehen: Ein nur fünf Jahre langes Studium führt über das gesamte Leben gesehen zu einem deutlich größerem Verdienst als eine drei Jahre lange Ausbildung; einmal erlernte Kommunikationsfähigkeiten ermöglichen das lebenslange effiziente Kommunizieren. Selbst Geld kann bei richtiger Anlage im Laufe der Zeit seinen Wert steigern.

Nun gibt es noch das kleine Problem, dass jeder von uns irgendwann sterben wird. Daher kann die dauerhafte Investition aller Ressourcen in das Zukunfts-Ich nicht der beste Weg sein: Was bringt der Belohnungsaufschub, wenn wir die Belohnung am Ende nicht erhalten können? Vor allem lässt sich der Zeitpunkt unseres Ablebens nicht voraussehen; die statistische Lebenserwartung interessiert wenig, wenn man mit 40 bei einem Unfall ums Leben kommt.

Doch gehen wir einmal von einer Lebenserwartung von 80 Jahren aus: Sehen wir die Zukunfts-Investition wieder als effektiver an als eine Investition in das Jetzt, so müsste es zunächst eine intensive „Investitionsphase“ geben. Genau das passiert auch in unserer Gesellschaft: In den ersten 18 bis 25 Jahren gehen wir zur Schule und machen eine Ausbildung oder ein Studium, um später einen größeren Wohlstand zu erlangen. Anschließend müsste eine „Lebensphase“ folgen, in der wir unsere Früchte ernten. Doch wo liegt die Grenze? Sind die 18 bis 25 Jahre für die Investitionsphase ausreichend lang, oder ist es besser, die ersten 40 Jahre zu „investieren“? Eine universell richtige Antwort lässt sich auf diese Frage nicht finden.

Eine individuelle Frage?

Ist der richtige Kompromiss zwischen Jetzt und Zukunft also eine individuelle Frage, die jeder selbst beantworten muss? Gewissermaßen ja, denn wie viel Spaß eine bestimmte Tätigkeit einem bestimmten Menschen beschert, unterscheidet sich stark. Genauso fällt es einigen Menschen leichter, etwas (für die Zukunft) zu lernen. Und der womöglich effektivste Weg, bei dem zunächst eine sehr lange Investitionsphase durchlaufen wird, erfordert viel Disziplin.

Dennoch wird unser zukünftiges Wohlbefinden zu häufig zugunsten sofortiger Befriedigung geopfert; kein Wunder, wenn wir von allgegenwärtiger Werbung, süchtig-machenden (Handy-)Spielen und dem Überangebot von Serien und Filmen fast schon dazu genötigt werden. Weiterhin ist unsere Zukunft schwer zu fassen, weil sie eben in der Zukunft liegt – im Gegensatz zu morgen oder übermorgen ist die Vorstellung unseres Lebens in 10, 20 oder 30 Jahren eher abstrakt und wird daher oft vernachlässigt. Wir können versuchen, diese abstrakte Vorstellung etwas zu konkretisieren, indem wir darüber nachdenken, wo genau wir in 20 Jahren im Leben sein möchten. Konkrete Ziele lassen sich auch im Jetzt deutlich einfacher verfolgen. Zusätzlich können wir von Menschen lernen, die bereits „ihre Zukunft“ erreicht haben: Etwa im Gespräch mit der Oma oder durch andere Quellen (z. B. Fünf Dinge, die sterbende bereuen).

Menschen verstehen

Zum Abschluss sei angemerkt, dass das Konzept dieses Kompromisses zwischen Jetzt und Zukunft auch helfen kann, andere Menschen zu verstehen. Wie wir festgestellt haben, muss jeder Mensch seinen individuellen Kompromiss finden. So mag es aus unserer Sicht vielleicht „falsch“ erscheinen, zu rauchen; aus anderer Sicht ist die ein oder andere Zigarette vielleicht die negativen zukünftigen Auswirkungen wert, weil sie im Jetzt zu einer großen Entspannung führt. Schließlich macht jeder Mensch in irgendeiner Form etwas, was das jetzige Wohlempfinden zulasten unseres zukünftigen Wohlempfindens steigert; Rauchen besitzt dabei lediglich ein besonders schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Wo die Grenze genau gezogen wird, ist dabei individuell. Die Verwandtschaft zum Konzept des „naiven Realismus“ ist hier klar erkennbar: Es gibt kein richtiges Tempo auf der Autobahn; dennoch meinen einige Autofahrer, ihr Tempo sei das einzig richtige. Jeder, der schneller fährt, ist ein Raser, und jeder, der langsamer fährt, eine Oma. (siehe auch Selbstidentifikation Teil 2: Meinungen) Auch hier erfolgt die Wahl des richtigen Tempos anhand unterschiedlicher Priorisierungen gegensätzlicher Kriterien (Sicherheit, Reisedauer), oder es wird einfach unbewusst von anderen Personen (z. B. den Eltern) übernommen.

Wichtig ist daher insbesondere die bewusste Auseinandersetzung mit unseren Zielen und deren Priorisierungen, um die richtigen Entscheidungen für uns zu finden. Sicherlich wurde auch die Entscheidung zu rauchen in den meisten Fällen nicht auf Basis eines bewussten Prozesses getroffen, sondern durch unhinterfragtes Nachahmen. Gerade wenn es um unsere eigene Zukunft, um unser eigenes Leben geht, sollten wir uns unserer Entscheidungen bewusst sein – oder wollen wir unser Leben in die Hand unbewusster, nachgeahmter Kompromisse geben?

Photo by Dean Hochman

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