Selbstidentifikation Teil 2: Meinungen

Im ersten Teil der Serie zur Selbstidentifikation habe ich bereits einige Grundlagen sowie die Identifikation mit materiellen Dingen beschrieben – und vor allem, wieso diese Dinge eher kontraproduktiv sind, wenn es um unser eigenes Glück und Wohlbefinden geht. Für die meisten ist es recht einfach, die Nachteile einer materiellen Identifikation zu verstehen und sich davon zu lösen. Bei Meinungen sieht das ganz anders aus: Hier kann es sehr schwierig sein, Identifikationen zu lösen.

Viele Menschen identifizieren sich stark mit ihren Meinungen: Sie verteidigen eigene Meinungen und greifen „fremde“ Meinungen an. Oder es wird auf eine Meinungsäußerung verzichtet, um (insbesondere bei kontroversen Meinungen) Angriffen anderer zu entgehen. Im Bereich der Politik lässt sich dies gut beobachten, da nahezu jeder eine Meinung hat und die Auswirkungen der Meinungen anderer Menschen indirekt (durch Wahlen) auch Einfluss auf das eigene Leben haben können. Entsprechend hitzig können die Debatten ausfallen.

Trotz der häufigen Diskussionen im Fernsehen (die allerdings alles andere als gesittet ablaufen) und im Internet habe ich selten den Fall gesehen, dass eine Person ihre Meinung infolge der Diskussion tatsächlich geändert hat. Sicherlich ist dies zum Teil auch dem Niveau entsprechender Diskussionen geschuldet, welche sehr schnell im Bereich von Beleidigungen landen. Oder vielleicht dem Stolz der Teilnehmer, seine Niederlage nicht eingestehen zu wollen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass jemand seine Meinung anhand vieler Diskussionen langsam ändert, aber auch nur, wenn diese entsprechend respektvoll verlaufen sind.

Am schwierigsten macht es aber wohl die Tatsache, dass Meinungen häufig im Selbstbild einer Person verankert sind, oder anders ausgedrückt: Dass sie sich mit ihren Meinungen identifiziert. Damit stellt eine Meinungsänderung einen tiefen Eingriff in die eigene Persönlichkeit dar – mitunter zieht dies auch viele andere Einstellungen mit sich. Man stelle sich ein Haus vor (Selbstbild), bei welchem ein wichtiger Teil des Fundaments (Meinung) wegbricht. Alle darauf aufbauenden Steine (weitere Meinungen) brechen dann ebenfalls in sich zusammen oder werden in Mitleidenschaft gezogen. Solche tief verankerten Meinungen (welche dann eigentlich besser als Einstellungen oder Werte bezeichnet werden) finden sich in verschiedensten Bereichen: Religion, Politik, Ernährung und noch viele andere. Der stärkste Fall einer Meinungsidentifikation lässt sich sicherlich in Fanatikern finden, welche mit keiner Menge an rationalen Argumenten umzustimmen ist. Einzig und allein sie selbst wären dazu in der Lage.

Genau hier zeigt sich ein wesentlicher Nachteil einer solchen Identifikation: Ein objektiver Blick auf die Dinge ist schier unmöglich, wenn rationale Argumente gegen die eigene Meinung von vornherein kategorisch ausgeschlossen werden. Diese Ignoranz gegenüber Argumenten ist im Falle der oben beschriebenen, fanatischen Identifikation mit einer Meinung letztendlich nur der Sicherheit des eigenen Selbstbildes geschuldet, welches einzustürzen droht. Ich habe schon Menschen erlebt, die sich ganz bewusst gegen das weitere Auseinandersetzen mit einem Thema entschieden haben, um sich vor eben jenem Zusammenbruch zu schützen.

Schaffen wir es, die Identifikation mit unseren Meinungen zu lösen, so können wir Angriffe auf diese nicht nur leichter verkraften, sondern sind auch sehr agil, d. h. wir können unsere Meinungen schneller ändern, wenn es dafür gute Gründe gibt. Solche Gründe können beispielsweise neue (wissenschaftliche) Erkenntnisse oder (politische, soziale etc.) Entwicklungen in der Welt sein. Wir sollten unsere Meinungen daher eher wie Kleidung tragen: Wir sind zwar im Moment dieser Meinung, aber wir können Sie jederzeit ablegen und eine andere annehmen, weil sie kein Teil von uns ist.

Die Meinung über uns Selbst

Nun haben wir nicht nur bestimmte Meinungen über andere, externe Dinge, sondern auch über uns selbst. Im Prinzip ist dies nichts anderes als unser Selbstwertgefühl: Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl sind der Meinung, sie seien wertlos, faul, hässlich oder zu nichts in der Lage. Üblicherweise realisieren diese Personen nicht, dass es sich nur um ihre eigene subjektive Meinung handelt. Aufgrund der fehlenden Distanz besteht die Gefahr, dass auch hier gegenteilige Anzeichen ignoriert werden. Vor allem kann eine solche Meinung stark lähmend wirken und betroffene Personen lange Zeit in einem „depressiven Loch“ gefangen halten, selbst wenn die ursprünglichen Geschehnisse, welche zu dieser Meinung über uns selbst geführt haben (z. B. ein empfundenes Versagen), weit in der Vergangenheit liegen.

Wenden wir hier wiederum das Prinzip an, Meinungen wie Kleidung zu tragen, so können wir zunächst unsere Agilität erhöhen. Dies wird vorerst nur einen kleinen, aber feinen Punkt an unserer Meinung ändern: Wir sind im Moment wertlos oder faul. Hier wird eindeutig impliziert, dass eine Änderung möglich ist – ein massiver Fortschritt gegenüber dem vorherigen, hilflosen Zustand. Diese zeitliche Trennung ist insbesondere bei vergangenen Ereignissen hilfreich: Damals habe ich versagt; aber dies liegt in der Vergangenheit. Anstatt vergangene Erlebnisse zu bereuen können wir gar Motivation daraus ziehen, wenn wir uns vornehmen, daraus zu lernen oder dies nie wieder so geschehen zu lassen (z. B. indem wir uns nächstes Mal besser vorbereiten).

Gruppendenken

Bezüglich Meinungsgruppen verhält es sich ein bisschen anders als materiell orientierte Gruppen, welche bereits in Teil 1 dieser Serie besprochen wurden. Immerhin gibt es hier keinen klar ersichtlichen Bewertungsmaßstab; stattdessen finden wir andere Menschen, die unsere Meinungen teilen, einfach sympathischer. Menschen mit gänzlich unterschiedlicher Meinung lehnen wir eher ab.

An dieser Stelle möchte ich kurz den Unterschied zwischen objektiven und subjektiven Meinungen (ich nenne das jetzt mal so) erläutern: Ich kann der Meinung sein, dass eine Kuh lila ist. Diese Meinung ist aber objektiv, also belegbar, falsch. Wenn ich der Meinung bin, dass die meisten Kühe braun, braun/weiß-gefleckt oder schwarz/weiß-gefleckt sind, dann ist diese Meinung objektiv richtig. Dies nennen wir dann eigentlich Wissen, aber nicht immer ist die Grenze zwischen Wissen und Meinung so klar. Nicht weniges, was aktuell als Wissen bezeichnet wird, ist eigentlich nur die anhand aktueller Erkenntnissen gebildete Meinung bzw. der Meinungskonsens. Gibt es nur wenige (sichere) Fakten, können individuell unterschiedliche Prioritäten oder Interpretationen zu vielen verschiedenen subjektiven Meinungen führen. Vereinfachtes Beispiel: Für die eine Person ist das beste Auto genau das Auto, welches die größte Sicherheit bietet; für die andere Person ist es das Auto, welches die besten Fahreigenschaften besitzt. Es gibt kein Auto, welches objektiv das beste ist.

Dabei gilt: Je schlechter die Erkenntnislage, desto größer ist der (Interpretations-)Spielraum: Der Glaube, es gäbe keinen Gott (Atheismus) ist genauso wenig widerlegbar wie der Glaube an einen Gott (Theismus), denn für beide Standpunkte sind keinerlei belastbare Beweise vorhanden. Doch Vorsicht! Gehen wir von der Wissenschaftstheorie aus, so müssen Hypothesen wie „Es gibt einen Gott“ widerlegbar sein. Sonst könnte ich mir auch einfach ausdenken, dass es ein fliegendes Spaghettimonster gäbe und (falsch) argumentieren, dass dies mangels Gegenbeweisen tatsächlich der Fall ist. Die objektiv richtige Meinung bezüglich der Existenz einer Gottheit ist demnach die, dass (mangels Beweisen) keine Aussage möglich ist, d. h. wir wissen es einfach nicht (Agnostizismus).

Meinungsgruppen entstehen demnach nur für kontroverse Meinungen, welche wie oben beschrieben durch unterschiedliche Deutung der Sachlage (oder manchmal leider auch durch Ignoranz der Sachlage) entstehen. In der Folge rutschen wir ganz automatisch in eine bestimmte Meinungsgruppe und bekommen ab diesem Moment einen Stempel aufgedrückt. Dieser bleibt auch längerfristig bestehen, da in unserer Gesellschaft eher die Einstellung vorherrscht, dass einmal gefasste Meinungen sich wenig bis gar nicht ändern. Während wir uns bei materiell orientierten Gruppen also noch recht gut raushalten können, ist dies hier nicht der Fall.

Dies sollte uns jedoch nicht daran hindern, es zu versuchen. Gerade bei subjektiven Meinungen sollten wir aufpassen, nicht einem naiven Realismus zu unterliegen – also der Auffassung, dass unsere Einstellung bzw. Meinung die einzig vernünftige oder richtige ist. Beispiel: Jeder, der auf der Autobahn (deutlich) schneller fährt als wir, ist ein verrückter Raser, während jeder, der langsamer fährt ein übervorsichtiger Angsthase ist. Einzig die selbst gefahrene Geschwindigkeit ist vernünftig. Spätestens beim Versuch, die eigene Geschwindigkeit auf Basis von Fakten als „beste“ Geschwindigkeit herausstellen zu wollen fällt auf, dass eben jene nicht existieren – und somit eine subjektive Einstellung vorliegt. Das Verständnis dieses Sachverhalts führt zu einem gewissen Maß an Empathie für andere Meinungsgruppen: Diese Menschen sind ebenso wie wir durch bestimmte Erlebnisse zu ihrer Meinung gekommen. In der Folge werden Grenzen abgebaut und ein Kontakt bzw. Austausch einfacher.

Zusammenfassung

Die wichtigste Erkenntnis dieses Artikels ist wohl die, dass wir unsere Meinungen wie Kleidung behandeln sollten, die wir ablegen und durch neue ersetzen können, wenn gute Gründe dafür sprechen. Um dies zu erreichen, müssen wir uns im Klaren sein, dass wir nicht unsere Meinungen sind. Wieder einmal sind Selbstreflexion und Meditation wertvolle Werkzeuge, um tiefgreifende Meinungen (bzw. Einstellungen und Werte) zu erkennen und die Identifikation mit diesen zu lösen.

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