Vom Umgang mit Ideen

Ideen sind was tolles. Sie können inspirieren, Wandel anregen und sich sogar wie ein Virus durch die Gesellschaft bewegen: Gute Ideen sind ansteckend (werden weitererzählt), schlechte Ideen nicht. Nun gibt es auch Ideen, die unseren eigenen Ansichten widersprechen. Wie wir mit diesen umgehen, ist enorm wichtig für unsere eigene Entwicklung.

Es gibt Menschen, die befassen sich nur mit Ideen, die in ihre eigene Welt passen. Solche wollen wir natürlich nicht sein: Wir möchten offen für Ideen, für neue Konzepte sein, denn nur so können wir uns weiterentwickeln. Immer wieder müssen wir dazu neue Ideen objektiv bewerten und integrieren sie dann in unsere eigene Persönlichkeit, wenn wir der Meinung sind, dass sie einen Nutzen bringen. Manchmal werden dafür auch alte Ideen über Bord geworfen. Und je nachdem, wie stark wir uns mit diesen Ideen identifiziert haben, kann das mehr oder weniger schwer fallen.

Viele Menschen bezeichnen sich als offen, obwohl sie es gar nicht sind. „Ich bin aber wirklich offen“ mögen wir entgegnen. Aber was heißt das eigentlich? Ich habe schon öfters Sätze gehört wie: „Wie, du liest sowas?“, mit denen implizit unterstellt wird, ich würde, nur weil ich ein Buch lese, auch mit den vertretenen Ansichten übereinstimmen. Was ist das für eine Einstellung, bei der wir kein Buch lesen dürfen, welches nicht unseren Ansichten entspricht? Oder besser noch: Welches unseren Ansichten widerspricht? Genau das ist es, was ich als Offenheit bezeichnen würde: Sich mit anderen Ansichten auseinanderzusetzen.

Beim Lesen von Büchern, oder allgemein dem Konsumieren von Medien, die den eigenen Ansichten widersprechen, geht es – für mich – immer darum, andere besser verstehen zu können und seinen Horizont zu erweitern: Warum vertreten Menschen ihre jeweiligen politischen Ansichten? Warum folgen Menschen einer bestimmten Ernährungsform? Was sind die Ansichten von Menschen, die Homöopathie praktizieren oder an Horoskope glauben?

Es geht dabei erst einmal auch nicht darum, ob diese Ansichten aus objektiver Sicht richtig oder falsch sind. Ohnehin können wir Ideen nicht neutral betrachten, wenn wir sie von vorneherein als falsch abstempeln. Es geht in erster Linie um ein gegenseitiges Verständnis. Jeder Mensch möchte verstanden werden. Und erst, wenn wir das Gefühl haben, dass der andere uns versteht, hören wir ihm auch zu – denn wenn er uns nicht versteht, weiß er aus unserer Sicht gar nicht, wovon er redet.

Wenn wir dann tatsächlich das Verständnis dafür haben, wie andere Menschen beispielsweise zu einer belegbar falschen Ansicht kommen – also auf welchen einzelnen Gründen seine Ansicht genau aufbaut – können wir immer noch eine Diskussion starten. Wir können nun jedoch gezielt auf seine einzelnen Teilargumente eingehen und diplomatischer argumentieren, wodurch sich unsere Chance, ihn tatsächlich zu überzeugen, wesentlich steigt.

Diskussionskultur: Verbaler Boxring

In Talkshows mit politischen Diskussionen sieht man nur allzu oft, wie jeder Teilnehmer versucht zu erklären, warum seine Ansicht die richtige ist. Keiner kommt auf die Idee, den jeweils anderen zu fragen, wie er zu seinen Ansichten kommt, oder anders ausgedrückt: Keiner versucht, den anderen zu verstehen. Kein Wunder, dass die Diskussion eher daraus besteht, dem jeweils anderen klarzumachen, dass er gerade Schwachsinn erzählt, um anschließend seine eigenen Ansichten stolz hervorzubringen. Am Ende der Diskussion hat kein Teilnehmer seine Ansichten geändert, neue Ideen erlernt oder neuen Input zu seinen eigenen Ideen bekommen.

Nun stelle man sich vor, einer der Diskussionsteilnehmer (Teilnehmer A) entgegnet seinem Gegenüber (B): „Du hast Recht.“. Noch bevor er weiter reden kann, wird letzterer die Augen und Ohren weiten, und gespannt den nächsten Sätzen folgen. Nun hat Teilnehmer A die Chance, etwas zu sagen, dem B wirklich zuhören wird. Dabei muss die ursprüngliche Phrase „Du hast Recht.“ sich gar nicht auf den zuvor genannten Punkt beziehen, sondern kann auf den „niedrigsten gemeinsamen Nenner“ abzielen. Häufig ist beispielsweise eine Grundansicht identisch (z. B. die Ursache für ein Problem), und nur die Vorstellung der besten Handlung (der Weg, mit dem die Ursache am besten behoben werden kann) ist unterschiedlich. Durch die Äußerung „Du hast Recht, die Ursache für das Problem ist…“ wird nun eine gemeinsame Basis geschaffen, die eventuell zu einer diplomatischeren Diskussion führen kann. Im schlechtesten Fall hört der Gegenüber zumindest dem nachfolgenden Satz genau zu.

Eine interessante Idee für Diskussionen jeglicher Art ist folgende Regel: Bevor ein Teilnehmer antworten darf, muss er die Aussagen des Gegenüber mit eigenen Worten wiedergeben. Der Gegenüber korrigiert solange, bis der Teilnehmer seine Aussagen richtig wiederholen kann. Dies führt dazu, dass dieser sich tatsächlich bemühen muss, die Ansichten des anderen zu verstehen. Das verhindert Missverständnisse und beugt dem aneinander Vorbeireden vor.

Nun bin ich von Büchern zu Talkshows gekommen, aber die Kernaussage ist immer dieselbe: Nur, wer sich mit anderen Ansichten und Ideen befassen kann und versucht, diese zu verstehen, kann sich selber weiterentwickeln und seine Mitmenschen besser verstehen. Wer Ideen, die eigenen oder gesellschaftlichen Meinungen widersprechen von vornherein ablehnt, der behindert seine eigene geistige Weiterentwicklung. Und wenn jeder Diskussionsteilnehmer sich diese Einstellung zu Herzen nehmen würde, kämen wir als Gesellschaft sicherlich eher voran, als das mit unserer derzeitigen Diskussionskultur der Fall ist.

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