Von Perspektiven und der Lebenslotterie

Ich denke, die meisten sind schon einmal hinter einem „Opa mit Hut“ hergefahren, der mit 30 über die Landstraße schleicht. Und die meisten haben sich zumindest leicht darüber aufgeregt. Was ist aber, wenn wir (mit gleichem Tempo) hinter unserem Opa oder unserer Oma herfahren? Obwohl das vermutlich deutlich weniger Menschen schon erlebt haben, würde ich darauf wetten, dass die Reaktion ungleich positiver ausfällt – schließlich würden wir unserer Oma nichts Böses unterstellen, und überhaupt: Unsere Oma ist die Beste!

Hier lässt sich bereits erkennen, wie ein einfacher Perspektivenwechsel die subjektive Einschätzung derselben (objektiven) Situation verändern kann. Im Übrigen muss dafür auch noch nicht einmal die eigene Oma im Auto vor uns fahren; wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass dort vor uns zwar nicht unsere Oma fährt, diese Person aber genauso die Oma einer anderen Person (vielleicht unseres besten Freunds) ist, so hilft dies enorm, die Situation positiv zu sehen.

Dieses Prinzip lässt sich auch in vielen anderen Situationen verwenden. Im Allgemeinen geht es dabei immer darum, die eigene, egoistische Ansicht (meine Oma darf langsam fahren, andere alte Personen nicht) durch eine Ansicht zu ersetzen, welche unabhängig von unserer eigenen Person ist (alle Omas dürfen langsam fahren).

Dies ist allerdings nicht immer so leicht, wie der obige Fall vermuten lässt. Schauen wir uns ein (zugegebenermaßen sehr unrealistisches) Beispiel an, welches allerdings die zugrundeliegende Problematik gut aufdeckt:

Angenommen, ein Geiselnehmer entführt deine Mutter und eine weitere, fremde Mutter. Da die Lösegeldforderung nicht schnell genug erfüllt wurde, wird zunächst eine Geisel hingerichtet, die du auswählen musst. Würdest du deine Mutter oder die fremde Person wählen? Obwohl die Wahl vermutlich leicht fällt, so können wir doch in der Regel nicht sinnvoll begründen, warum wir diese Wahl getroffen haben. Dass es sich um eine egoistische Wahl handelt, lässt sich daran erkennen, dass eine dritte, fremde Person eine zufällige Wahl treffen würde, weil für sie keine Unterschiede erkennbar sind. (Im Übrigen ist „egoistische Wahl“ hier nicht negativ gemeint).

Führen wir das Beispiel weiter: Was ist, wenn wir zwischen unserer eigenen Mutter und 5 fremden Personen entscheiden müssen, also ein Leben gegen fünf Leben? Natürlich wird die Wahl, wie auch zuvor, eindeutig von unseren Emotionen beeinflusst, obwohl in diesem Fall objektiv eine bessere Wahl besteht: Eine dritte Person würde sich im Fall der Fälle für die Rettung der fünf Personen entscheiden.

Nebenbei bemerkt versuchen auch Hilfswerke, in ihren Spendenkampagnen Emotionen hervorzurufen, um die Wirkung zu maximieren. Die Abbildung eines einzigen armen Kindes führt zu einem wesentlich größeren Erfolg als das Abdrucken einer großen Zahl („Zwei Millionen“), welche nur abstrakt greifbar ist.

Während Empathie also eigentlich etwas erstrebenswertes ist, kann diese auch – wie hier – zu Entscheidungen führen, die aus Sicht der Menschheit als Ganzes schlechter sind als eine rationale Entscheidung.

Lebenslotterie

Eine meiner Meinung nach sehr „mächtige“ Idee – mächtig deshalb, weil sie unsere eigene Person in kurzer Zeit recht stark verändern kann – ist die der „Lebenslotterie“. Damit meine ich, dass es absoluter Zufall ist, dass du die Person bist, die du bist. Du hättest genauso in einer armen Familie in Afrika geboren werden können, oder in einer Familie in Russland, oder als Kind mit Behinderung in Südamerika; als ranghohe Person des Regimes in Nordkorea, als Präsident der Vereinigten Staaten, als Bill Gates, als Angela Merkel, als Künstler, als Schwarzer in einem amerikanischen Ghetto oder auch als deine Nachbarin.

Bitte nimm dir die Zeit, diese Idee nicht nur zu lesen, sondern auch tiefgreifend darüber nachzudenken und dich vielleicht in einige der oben genannten Situationen herein zu versetzen. Wenn uns diese Idee mehr oder weniger konstant bewusst ist, so ändert dies den Umgang mit unseren Mitmenschen enorm. Wenn wir beispielsweise jemanden anschreien und dann merken, dass wir genauso gut diese andere Person hätten sein können, weicht unsere Wut relativ schnell dem sich einstellenden Verständnis. Im Prinzip ist dies natürlich nichts anderes als eine Form der Empathie, also die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können. Diese Methode ist aus meiner Erfahrung jedoch sehr effektiv.

Ein wenig verwandt mit dieser Idee ist auch die Realisierung, dass jeder andere Mensch, dem wir je begegnen, genauso wie wir positive und negative Erfahrungen, Wünsche und Träume, Probleme, Freunde und Feinde hat. Das gilt für Personen mit denen wir sprechen genauso wie für Personen, die uns auf der Straße entgegen kommen und die wir danach nie wieder sehen.

Wenn wir es schaffen, diese Ideen immer „griffbereit“ zu haben, so können wir in beliebigen Situationen unsere eigene Empathie bewusst erhöhen, indem wir uns jene Ideen in den Sinn rufen und sie auf die gerade anwesenden Personen beziehen.

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