Selbstidentifikation: Grundlagen und materielle Dinge (Teil 1)

Sicher kennst du ein paar Menschen, die sich stark mit etwas identifizieren – sei es mit Fußball, Geld, Autos, ihrer Intelligenz, ihrem Job oder was ganz anderem. Dass diese Selbstidentifikation in den wenigsten Fällen vorteilhaft ist, um das eigene Glück zu steigern, möchte ich im Rahmen dieser neuen Serie zeigen. Den Anfang macht dabei die Identifikation mit materiellen Dingen.

Sich mit etwas zu identifizieren bedeutet anders ausgedrückt, sehr viel Wert auf dieses etwas zu legen – und zwar so viel, dass wesentliche Aspekte des Selbst, wie Wohlempfinden und Selbstwertgefühl, stark davon abhängen. Ein Verlust des Identifikationsobjekts bzw. ein negativer Einfluss darauf wirkt folglich auch negativ auf das Selbst. Wenn du dich also mit etwas identifizierst, gibst du die Kontrolle über dein Glück aus der Hand – und lässt es stattdessen von externen Faktoren beeinflussen.

Viele Menschen identifizieren sich mit Geld oder anderen materiellen Dingen. Sie rennen nicht nur ständig der Kohle hinterher, sondern regen sich auch kräftig darüber auf, wenn sie selbst kleine Mengen verlieren. Bei einem kleinen Gesamtvermögen wäre das fast noch verständlich, aber spätestens, wenn Millionäre dieses Verhalten zeigen, gibt es wenig rationale Gründe dafür – die Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse ist hier überhaupt kein Problem.

Die Ursache ist folgende: Wenn diese Menschen sich mit Geld oder anderen materiellen Dingen identifizieren, d. h. großen Wert darauf legen, so liegt ihnen auch die Meinung der Gesellschaft in Hinblick auf diese Dinge am Herzen. Wenn du dich beispielsweise mit deinem Auto identifizierst, so wirst du vermutlich nicht mit einem Fiat Multipla rumfahren. Stattdessen wirst du ein Modell wählen, welches gesellschaftlich auf mehr Akzeptanz stößt – vielleicht einen Golf oder Passat oder gar eine teure Luxus-Limousine. Wenn das Auto für dich einfach nur dazu da ist, um dich von A nach B zu bringen (du dich also nicht damit identifizierst), so wirst du dich für ein recht günstiges, einfaches Modell entscheiden – der Spott deiner Mitmenschen ist dir in diesem Fall relativ egal.

Dieser Mechanismus kann z. B. erklären, warum wir eher bestimmte Autos wählen als andere, oder warum ein „Modemensch“ sich so stark an modernen Trends orientiert. Um jedoch zu erklären, warum sich selbst Millionäre bei vergleichsweise kleinen finanziellen Verlusten aufregen bzw. sich trotz ihres Reichtums nicht reich fühlen, müssen wir uns zusätzlich einen weiteren Aspekt anschauen: Die Werte des direkten sozialen Umfelds.

Während aus gesellschaftlicher Sicht jede Person mit einer Million Euro in „Cash“ definitiv als reich angesehen wird, so ist dies innerhalb einer Gruppe von Millionären (dem direkten sozialen Umfeld eines Millionärs) nicht mehr der Fall. Innerhalb dieser Gruppe ist das persönliche Vermögen ein Maßstab für Ansehen. Da sich gleichzeitig jeder in der Gruppe mit Geld identifiziert und zumindest einen Teil des Selbstwertgefühls daraus zieht, sucht nun jedes Gruppenmitglied auch extern nach Bestätigung. Diese Bestätigung erfolgt anhand des Bewertungsmaßstabs der Gruppe – dem Geld. Genau hier beginnt nun das ständige Vergleichen mit anderen: In einer Umgebung, in der jeder Mensch eine Million Euro besitzt, ist eben jener Betrag nichts besonderes mehr (und reich fühlt man sich in dieser Umgebung auch nicht) – um herauszustechen, versucht daher jedes Gruppenmitglied, mehr Geld als die anderen zu erlangen. (Siehe dazu auch diesen sehr empfehlenswerten englischen Artikel über einen ehemaligen Wall-Street-Mitarbeiter).

Schauen wir uns als weiteres Beispiel eine sehr Auto-interessierte Gruppe an (vielleicht eine Tuninggruppe o.ä.). Der Bewertungsmaßstab in dieser Gruppe ist das eigene Auto: Die Anschaffung eines „anerkannten“ Autos wird mit „geile Karre“ quittiert, dem Kauf des „falschen“ Autos wird mit „Was hast du dir denn für ’ne Rostlaube angeschafft?“ entgegnet. Für die betreffende Person stellt dies eine externe Bestätigung dar, die aufgrund seiner eigenen starken Identifikation mit Autos gleich einer Bestätigung seines Selbst ist – dementsprechend wird er zu einem Auto greifen, welches möglichst hoch bewertet wird.

Wer denkt, ich übertreibe hier, möge einfach mal einen Blick auf Apple-Produkte werfen: Für nicht wenige geht es hier einzig um das Dazugehören. Der Bewertungsmaßstab ist hier das Smartphone (oder allgemeiner: Lifestyle-Produkte). Interessant im Zusammenhang mit Apple-Produkten ist die kontroverse Einteilung: In einigen Gruppen wird ein iPhone hoch bewertet, in anderen wiederum niedrig. Erstere Gruppe sieht in einem iPhone ein hochqualitatives, gut designtes Smartphone, letztere hält es für ein überteuertes Smartphone für „Hipster“. Diese unterschiedliche Bewertung lässt sich natürlich auch in Bezug auf andere Dinge beobachten.

Schauen wir uns noch ein letztes Beispiel an: Viele Frauen identifizieren sich mit ihrem Körper bzw. ihrer Schönheit, welche innerhalb unserer Gesellschaft ein Bewertungsmaßstab darstellt. In der Folge versuchen diese Frauen durch bestimmte Handlungen, ihr eigenes Aussehen möglichst weit zu steigern – das reicht über Make-Up bis hin zu Schönheitsoperationen. Die Gesellschaft bewertet diese Frauen hinsichtlich des Bewertungsmaßstabs, mit direkter Auswirkung auf ihr Selbstwertgefühl (man denke nur an Vorgänge auf Facebook und Co.). Natürlich überlagert sich dieser allgemeingültige gesellschaftliche Bewertungsmaßstab (Schönheit) mit denen des lokalen sozialen Umfelds – vielleicht definiert das soziale Umfeld Schönheit anders (Piercings oder Tattoos sind gesellschaftlich z. B. eher nicht ein Schönheitsideal).

Noch ein Hinweis bezüglich gesellschaftlichen Werten: Es gibt zum einen die wahrgenommen gesellschaftlichen Werte und zum anderen die tatsächlichen gesellschaftlichen Werte. Die wahrgenommenen Werte sind die, die durch Medien ständig vermittelt werden – etwa durch Zeitschriften mit schönen Frauen oder teuren Autos und natürlich entsprechend zugehöriger Bewertung. Die tatsächlichen gesellschaftlichen Werte ergeben sich aus der Summe der Werte aller Individuen und kann deutlich abweichen – beispielsweise finden viele Männer auch Frauen mit etwas „Bauchspeck“ attraktiv. Dies ist anhand der entsprechenden Zeitschriften allerdings überhaupt nicht ersichtlich. Generell sind die tatsächlichen gesellschaftlichen Werte schwieriger zu ermitteln (Umfragen) und sind nicht ständig verfügbar.

Warum eine Selbstidentifikation kontraproduktiv ist

Die Identifikation mit bestimmten Dingen ermöglicht ultimativ erst das (richtige) Dazugehören zu bestimmten Gruppen, sei es der Auto-Club oder ein Fußball-Fanclub. In den meisten Fällen besitzt eine solche Identifikation jedoch mehr Nach- als Vorteile.

Zunächst werden gemeinsame Ideen der Gruppe schnell in den Status einer Ideologie erhoben, d. h. bestimmte Ansichten (auch falsche) werden nicht nur von den Gruppenmitgliedern übernommen, sondern diese werden innerhalb der Gruppe von den Mitgliedern auch immer wieder gegenseitig bestätigt. Ansichten, die denen der Gruppe widersprechen, werden hingegen abgewehrt, ohne diese überhaupt kritisch und rational zu betrachten. Die Gruppe verhält sich hier wie ein Individuum, dessen Selbstbild attackiert wird. Ein Zusammenbruch der Ansichten, die die Gruppe ausmachen, würde einhergehen mit dem Zusammenbruch der Gruppe selbst. Der Zusammenbruch der Gruppe geht wiederum einher mit dem Zusammenbruch des Selbstwertgefühls der Gruppenmitglieder, die sich ja mit der Gruppe identifizieren. Deshalb wird alles unternommen, um die Kernansichten der Gruppe beizubehalten – selbst in Anbetracht widersprüchlicher Fakten.

Die Disidentifikation mit der Gruppe bedeutet im Übrigen nicht, dass man nicht Teil der Gruppe sein kann. Es geht hier lediglich darum, ob die Gruppe in das eigene Selbstbild einbezogen wird (man sich also damit identifiziert), oder nicht.

Weiterhin führt eine Identifikation zur Beeinflussung der eigenen Handlungen: Die Identifikation mit der körperlichen Schönheit führt zur Verwendung (und zum Kauf) von Make-Up, die Identifikation mit dem Auto führt zum Kauf teurer Autos. Dadurch geht nicht nur die Kontrolle über die Handlungen verloren; die meisten Handlungen haben auch negative Auswirkungen, z. B. erhöhte finanzielle Ausgaben.

In den oben genannten Beispielen lässt sich der eigene Bewertungsmaßstab sogar noch selbst beeinflussen. Bei der Identifikation mit beispielsweise einem Fußballverein wird die Kontrolle über das Wohlbefinden hingegen gänzlich aus der Hand gegeben, da ein Fußballfan quasi keinerlei Auswirkungen darauf hat, ob „sein“ Team gewinnt oder verliert.

Genau dies ist das größte Problem einer Identifikation: Die Abhängigkeit des eigenen Wohlbefindens von externen Dingen. Eine verbreitete Binsenweisheit besagt, dass Glück von Innen kommt. Das stimmt größtenteils, und nun weißt du (vielleicht) etwas besser, was das genau bedeutet. Wie soll ein inneres, langfristiges Glück bzw. Wohlempfinden aufgebaut werden, wenn dieses ständig von externen Ereignissen gestört wird?

Das Erreichen eines hohen, langfristigen Glückslevels kann innerhalb einer (materiell-orientierten) Gruppe nicht erreicht werden: Immer gibt es jemanden mit mehr Geld oder einem teureren Auto, immer gibt es eine noch hübschere Frau; die in Zeitschriften dargestellten Schönheitsideale sind ohnehin unerreichbar. Das Verfolgen dieser Ziele stellt nur sicher, ewig im Hamsterrad gefangen zu sein. Und was passiert eigentlich, wenn das hart erarbeitete und mit unserem Selbstwertgefühl verbundene Geld plötzlich verloren geht? Richtig, unser Selbstwertgefühl sinkt in den Keller. Dies ist bei der Identifikation mit körperlicher Schönheit im Übrigen garantiert: Je Älter wir werden, desto mehr sinkt die körperliche Attraktivität – und mit ihr das Selbstwertgefühl (begleitet von verzweifelten Versuchen, mithilfe von Cremes, OPs und Diäten das Unaufhaltsame aufzuhalten).

Wenn es all diese Nachteile gibt – warum identifizieren sich Menschen dann mit so vielen Dingen? Sicherlich wollen Menschen einfach Dazugehören und schließen sich deshalb einer (oder mehreren) Gruppe(n) an. Doch das Bedürfnis nach sozialen Kontakten ließe sich auch ohne eine Identifikation mit der Gruppe erfüllen. Anders sieht es bei der Anerkennung aus: Durch die Erfüllung der Bewertungsmaßstäbe der jeweiligen Gruppe lässt sich diese recht einfach erlangen bzw. sogar erkaufen.

Nachfolgend möchte ich die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal stichpunktartig darstellen, um zu zeigen, warum die Beschäftigung mit Identifikationsobjekten derart wichtig ist:

Die Selbstidentifikation …

  • … beeinflusst maßgeblich das Selbstwertgefühl und damit direkt das Wohlempfinden
  • … beeinflusst die eigene Gefühlswelt (z. B. Wut/Aufregung bei Verlust einer Geldmenge, die rational betrachtet keinerlei Bedrohung darstellt; Vorurteile gegenüber „Außenseitern“ oder „feindlichen Gruppen“)
  • … beeinflusst die eigene Gedankenwelt (z. B. Sorgen um die Reaktionen der anderen Gruppenmitglieder hinsichtlich des neuen Autos bzw. Auswahl des Autos nach Akzeptanz der Gruppe statt nach eigenem Empfinden)
  • … beeinflusst maßgeblich die eigenen Handlungen (z. B. beim Autokauf) und damit weitere Glücksfaktoren (z. B. Finanzen)
  • … bewirkt die Vernachlässigung eigener Wünsche, wenn diese hinsichtlich des Bewertungsmaßstabs nicht relevant sind
  • … ermöglicht das schnelle Erkaufen von Anerkennung

Die Selbstidentifikation wirkt also (i. d. R. negativ) auf unsere Gefühle und Gedanken und Handlungen und verdrängt gleichzeitig eigene Wünsche.

Wie lassen sich Identifikationen lösen?

Du hast nun gesehen, was Selbstidentifikation bedeutet und warum sie mit deinem Ziel – dem Erreichen eines langfristigen (Lebens-)Glücks – nicht zu vereinen ist. An dieser Stelle sei auch nochmal erwähnt, dass der Verzicht auf eine Identifikation nicht mit dem Verzicht auf das materielle Objekt gleichzusetzen ist. Natürlich können wir uns ein teures Auto kaufen, wenn wir es genießen, damit herumzufahren. Gefährlich wird es dann, wenn wir aufgrund der Identifikation beispielsweise versuchen, aus dem Besitz des Autos unser eigenes Glück zu ziehen.

Wie lassen sich diese Identifikationen nun lösen? Zusammen mit dem Grundwissen aus diesem Artikel lässt sich mithilfe von Selbstreflexion und Meditation schon einiges anstellen.

Um Identifikationen auf die Schliche zu kommen, bieten sich (im Rahmen der Selbstreflexion) insbesondere Fragen über regelmäßige Tätigkeiten an. Denn eine Selbstidentifikation lässt sich nicht als solche direkt feststellen, sondern nur über die Tätigkeiten, in denen sich die Identifikation äußert. Mögliche Fragen könnten sein: Warum schaue ich so oft auf meinen Kontostand (Identifikation mit Geld oder nur Sorge wegen niedrigem Kontostand?)? Warum denke ich mir im Kopf ständig eine Geschichte aus, bei der ich mit einem „dicken“ Auto herumfahre und meine Freunde beeindrucke? Warum fühle ich mich unwohl, wenn ich mit dem kleinen Firmenwagen zum Kunden fahren muss/wenn ich ungeschminkt aus dem Haus gehe?

Die Meditation ergänzt sich hier wieder mit der Selbstreflexion, indem sie alltägliche Gedankenmuster aufspürt, welche sich anschließend im Rahmen der Selbstreflexion analysieren lassen. Die ebenfalls dort formulierten Verbesserungsmaßnahmen lassen sich aufgrund der durch Meditation gesteigerten Aufmerksamkeit im Alltag dann gut umsetzen.

Neben diesem Standardansatz kann auch versucht werden, das eigene Selbstwertgefühl aus anderen Dingen zu ziehen, die sicherer/vorteilhafter sind und mehr in unserer Kontrolle liegen. Funktioniert dies, so wird fortan weniger externe Bestätigung gesucht und das Lösen der Identifikationen passiert fast von alleine. Eine bessere (vorübergehende) Basis für das Selbstwertgefühl könnten beispielsweise eigene, ganz individuelle Errungenschaften sein oder gar bestimmte positive Charaktereigenschaften. Diese Identifikationsobjekte haben zwar auch Nachteile, sind aber besser geeignet als materielle Dinge. Im nächsten Artikel dieser Serie wird es um die Identifikation mit eben solchen geistigen/mentalen Konstrukten gehen.

Photo by Benoit cars

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*