Selbstreflexion – Wie gut kenne ich mich?

Artikel über Selbstreflexion gibt’s eigentlich wie Sand am Meer. Da es aber ein extrem wichtiges Werkzeug und zudem noch leicht anzuwenden ist, möchte ich nachfolgend ein paar Punkte dazu loswerden. Nicht zuletzt soll dieser Artikel auch einfach als Anregung oder Erinnerung dienen, seine Selbstreflexions-Praxis nicht zu vernachlässigen. Im Übrigen werde ich den Begriff Selbstreflexion sehr weit fassen und beispielsweise Fragestellungen hinzunehmen, die auch als Lebensplanung durchgehen könnten.

Selbstreflexion bedeutet nichts anderes, als über seine eigenen Gedanken, Einstellungen, Beziehungen, Entscheidungen, Erlebnisse – also alles, was das eigene Selbst oder die eigene Lebenssituation ausmacht – nachzudenken. Die Folge ist eine bessere Selbstkenntnis, d. h. wir wissen genauer, was wir möchten und vor allem: Warum wir es möchten. Gerade die Frage nach dem Warum können wir nicht immer beantworten. Genau dann wird es gefährlich: Wenn wir beispielsweise nicht genau beantworten können, warum wir eine bestimmte Entscheidung getroffen haben, liegt die Ursache häufig in emotionalen oder unterschwelligen Gründen, die im Zweifel alles andere als rational oder vernünftig sind.

Das fängt bei kleinen, impulsiven Entscheidungen im Alltag an („Ich will jetzt das Stück Kuchen“) und hört bei großen Entscheidungen auf – insbesondere die Wahl des Partners bzw. der Partnerin erfolgt eher auf Basis von Emotionen. Hier könnten (zusätzliche) rationale Überlegungen dafür sorgen, dass vor allem die Langzeitkompatibilität gegeben ist.

Schnelles Denken, langsames Denken

Im Rahmen der Selbstreflexion versuchen wir, unbewusste oder emotionale Vorgänge in unser Bewusstsein zu holen, um diese kritisch und rational zu hinterfragen. Das geht am besten, wenn man sich dazu 15 oder 30 Minuten Zeit nimmt, und sich mit einem Blatt Papier und einem Stift in Ruhe hinsetzt. Dadurch wechseln wir in unser langsames, analytisches Denksystem, während wir im normalen Alltag eher schnell und assoziativ denken.

Im Buch Schnelles Denken, langsames Denken (Kahneman) wird der Unterschied zwischen diesen beiden Denksystemen (schnell und langsam) anhand zahlreicher Beispiele erläutert: Im Alltag denken wir assoziativ und schnell. Zwei plus zwei sind vier, die Hauptstadt von Frankreich ist Paris. Bei „schwierigeren“ Aufgabenstellungen kommen wir aber schnell zu falschen Ergebnissen, wenn wir in diesem Denkmodus bleiben. Beispiel: Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 €. Der Baseballschläger kostet 1 € mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Die Hälfte der Leser liest diesen Satz vermutlich, ohne das Problem gelöst zu haben. Keine Panik, eine Chance gibt’s noch, also ran an die Aufgabe und nicht mogeln!

Wer hier zu schnell gedacht hat, ist vielleicht zunächst auf zehn Cent gekommen. Tatsächlich muss der Ball natürlich fünf Cent kosten, damit zusammen mit dem ein Euro teureren Schläger (ein Euro und fünf Cent) die Summe 1,10 € entspricht. Wer sich einen Moment Zeit genommen oder eine kurze Rechnung auf einem Blatt Papier durchgeführt hat, wird wahrscheinlich direkt zum richtigen Ergebnis gekommen sein.

Übrigens: Für Alltagsentscheidungen wie Kuchen essen, Klamotten kaufen etc. ist eine Selbstreflexion natürlich wenig geeignet, da kein Mensch diese Entscheidung während des Einkaufens mit Zettel und Stift versucht abzuwägen. Solche Gewohnheiten lassen sich eher mit einer Kombination aus Selbstreflexion und Meditation in den Griff kriegen.

Vorgehensweise und Fragestellungen

Nun sitzen wir also mit Zettel und Stift bereit. Wie gehen wir weiter vor? Ich persönlich schreibe zunächst das Datum in die obere rechte Ecke des Blatts, damit dieses nachher ordentlich abgeheftet werden kann. Es ist sehr hilfreich und auch interessant, in ältere Aufzeichnungen zu schauen. So kann beispielsweise die eigene Entwicklung bezüglich bestimmter Einstellungen oder Entscheidungen verfolgt werden. (Klingt nach einem Tagebuch? Natürlich enthält auch ein Tagebuch – je nachdem, worüber genau geschrieben wird – wichtige Einsichten und stellt eine Art Reflexion dar.)

Danach wird entschieden, über welches Thema reflektiert werden soll. Das kann von Woche zu Woche unterschiedlich sein – beispielsweise ein gerade relevantes Problem oder auch die Bewertung verschiedener möglicher Wege, die in naher Zukunft beschritten werden könnten (möchte ich Studienfach A oder B studieren, nehme ich Jobangebot X oder Y an?).

Steht das Thema fest (hier etwa die Entscheidung für ein Jobangebot), erfolgt die Analyse: Bei allen Entscheidungen, bei denen wir aus mehreren Optionen eine Wahl treffen müssen, kann ein Vergleich anhand der Nutzwertanalyse erfolgen (Wikipedia). Hierbei werden die unterschiedlichen Möglichkeiten bewertet und anschließend ein (gewichteter) Durchschnittswert berechnet. Beispiel: Das Jobangebot X hat ein gutes Gehalt (Note 2) aber ein schlechtes Arbeitsklima (Note 4), bei Angebot Y ist dies genau anders herum. Da das Arbeitsklima mit 60 % und das Gehalt nur mit 40 % gewertet wird, gewinnt Angebot Y mit einer besseren Durchschnittsnote von 2,8.

Bei konkreten Problemen (z. B. Ärger mit dem Arbeitskollegen) können zunächst die aktuelle Situation und die Ursache festgestellt werden. Wichtig ist dabei, der Ursache bis auf den Grund zu gehen, d. h. wir fragen solange Warum-Fragen, bis wir diese nicht mehr (sinnvoll) beantworten können. Im nächsten Schritt werden dann verschiedenste Lösungswege und alternative Betrachtungsweisen des Problems formuliert. Dabei sind insbesondere Kreativitätstechniken hilfreich.

Weitere Themenbereiche könnten sein:

Reflexion über … Beispiel-Fragestellungen Anmerkung
eigenes, regelmäßiges Verhalten Warum mache ich jeden Tag/jede Woche Tätigkeit X? Sollte (wie andere Fragestellungen auch) in längeren Abständen wiederholt werden, da ehemals gute Gründe/Vorlieben sich ändern können und die Tätigkeit nur aus Gewohnheit/Tradition („Das haben wir schon immer gemacht“) fortgeführt wird.
vergangene Erlebnisse (1) Habe ich mich so verhalten, wie ich mir das vorgenommen habe? Wenn nein, warum nicht?

(2) Entsprach das Erlebnis meinen vorherigen Erwartungen?

(1) Hilfreich zur Erfolgskontrolle bei der Umsetzung neuen Wissens, bspw. neue Kommunikationstechniken.

(2) Ermöglicht die Anpassung der eigenen Erwartungshaltung, sodass wir in Zukunft genauer wissen, welche Aktivitäten uns wirklich gefallen, und welche nur (im Voraus) toll klingen.

eigene, regelmäßig auftretende Gedanken Warum denke ich ständig an Person/Gegenstand/Erlebnis X? Warum stelle ich mir ständig fiktive Diskussionen über Thema X vor? Ermöglicht Rückschlüsse auf unbewusste Wünsche, Ängste usw. Erfordert ein hohes Maß an Selbstwahrnehmung im Alltag, um regelmäßig auftretende Gedanken überhaupt als solche erkennen zu können (erreichbar durch Meditation).
eigene, regelmäßig auftretende Gefühle Warum fühle ich mich häufig niedergeschlagen/schlapp? Warum werde ich in Situation X jedes mal wütend? Ermöglicht Rückschlüsse auf unbewusste Wünsche, Ängste usw. Erfordert ein hohes Maß an Selbstwahrnehmung im Alltag, um regelmäßig auftretende Gefühle überhaupt als solche erkennen zu können (erreichbar durch Meditation).

Diese Vorgehensweise ist vermutlich nichts Neues. Auch auf allzu viele konkrete Beispiele wurde in diesem Artikel verzichtet, da sich im Internet schon genügend dazu finden lässt. Wichtiger als die genaue Methodik ist die tatsächliche Anwendung. Auf eines sollten wir dann aber doch achten: Wir sollten die Bewertungskriterien so wählen, dass das Ergebnis auch das größtmögliche Glück verspricht, und nicht so, dass das Ergebnis dafür sorgt, gesellschaftliche Normen zu erfüllen. Dies kann wiederum durch kritisches Betrachten der Bewertungskriterien geschehen. Vielleicht merken wir dann, dass uns Jobangebot X bisher nur besser gefallen hat, weil der Job sehr angesehen ist und wir damit Eindruck hinterlassen; und dass uns Jobangebot Y persönlich eigentlich viel mehr anspricht.

 

Photo by freddie boy

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*